Eteri Lamoris Leben in Gesang und Musik
Zwischen Hongkong und dem Internationalen Festival in Macau uber Italien weiter nach Los Angeles reisend, um Ihren kunstlerischen Verpflichtungen nachzukommen, sind Sie noch einige Tage in Ihrem Haus in Madrid. Ein anstrengendes, ein spannendes Leben?
Anstrengend, ja und nein. Es ist eine
Frage der Organisation und vor allem der
Disziplin. Mein Leben ist Gesang und
Musik, es macht mich glucklich zu singen,
und das Wunderschone dabei ist,
dass ich zusammen mit Kollegen und
Orchestern auch vielen Menschen gluckliche
Stunden bereiten darf. Wir leben in
einer globalen Welt, uberall auf dieser Erde wird Oper gesungen, werden Konzerte
gespielt, und ich freue mich, dass
ich in dieser weltweiten Kultur- und
Opernszene einen festen Platz gefunden
habe. Ich habe bereits sehr fruh begonnen,
internationale Wettbewerbe zu singen
und bei neun internationalen Wettbewerben
sieben Mal erste Preise gewonnen.
Was hat Ihnen auf Ihrem Weg als international
anerkannte Opernsangerin
besonders geholfen?
In erster Linie war es meine wirklich sehr
profunde Ausbildung, die ich in Georgien
an der Hochschule genie?en durfte. Zum
damaligen Zeitpunkt war meine Heimat
Georgien noch nicht in Schwierigkeiten,
wir jungen Kunstler wurden durch hervorragende
gesangliche und schauspielerische
Ausbildung, verbunden mit Ballett
und Tanz und vor allem mit der Werkthematik,
intensiv vertraut gemacht. Diese
Basisausbildung gemeinsam mit den Erfahrungen
bei den Wettbewerben war
naturlich eine sehr hohe Erkenntnis, welche
mir heute sehr zugute kommt. Durch
geschickte Fuhrung von hochprofessionellen
Lehrern wie Renata Scotto und
Ruthilde Boesch, aber auch von meiner
Mutter Lamara Tchkonia, die eine anerkannte
Diva gewesen ist, habe ich vor
allem eine gute Basis in der Erarbeitung
von Rollen gehabt. Das schrittweise Erarbeiten
von Partien, von Koloraturen,
von Details erfordert nicht nur viel Kraft,
sondern vor allem Disziplin und Zeit. Das
Zeitmanagement ist fur uns Sanger von
besonderer Bedeutung, weil wir bei Proben
und auf der Buhne viel Substanz
verbrauchen. Auf der Buhne leben wir
auch in einer Rolle, die den Sanger nicht
nur stimmlich, sondern auch korperlich
voll fordert. Es ist daher ganz wichtig,
Regenerationsphasen einzubauen, damit
sich der Stimmapparat erholt und ich
auch korperlich und mental auf die nachsten
Aufgaben optimal vorbereitet bin.

Bereits im Alter von 21 Jahren wurden
Sie als „eine der zehn besten Stimmen weltweit“ im OPERALIA World Opera
Wettbewerb gefeiert und gemeinsam mit
Jose Cura mit dem „Publikumspreis“ von
Wien ausgezeichnet, 1995 wurden Sie in
internationalen Medien als neue Perle der
Opernwelt genannt. Wie geht man mit
diesen Vorgaben um?
Die stimmliche Ausbildung ist Basis jeder
Qualitat eines Sangers, vor allem auf
langere Sicht gesehen. Leider ist es immer
wieder so, dass junge Sanger und
Sangerinnen kurzfristig verheizt werden,
weil sie sich auf Rollen einlassen, fur die
ihre Stimme noch nicht reif genug ist, und
sie vor allem neben ihren laufenden Tatigkeiten
nicht die notwendige Weiterbildung
betreiben. Ich versuche hier, wirklich
konsequent einen Weg zu gehen, der
mir die Qualitat und die Weiterentwicklung
meiner Stimme sichert. Ich bin das
nicht nur mir schuldig, sondern vor allem
auch jenen, die im Auditorium sitzen und
die durch das Kaufen von Tickets den
Opernbetrieb letztendlich uberhaupt
moglich machen.
Wo befindet sich Eteri Lamoris derzeit
auf ihrem Karriereweg? Was sind Ihre
momentanen Aufgaben?
In diesem Jahr habe ich schon wunderbare
Produktionen gesungen. Im Teatro
dell’Opera di Roma unter Nello Santi „I
Capuleti e i Montecchi“, in der Hartford
Opera “Lucia di Lammermoor”, in Neapel
im Teatro San Carlo “La Bohème” und
in Florenz “La Traviata” in einer Zeffirelli-
Produktion. Im Oktober singe ich beim
XVIII Internacional Music Festival of Macau
“Roméo et Juliette“ sowie im Konzert
Mendelssohns 2. Symphonie. Nach
Vorstellungen von „La Traviata“ in italienischen
Operhäusern bin ich dann an der
Los Angeles Opera, wo ich „La Bohème“
singen werde. Im Dezember und Januar
geht es wieder nach Asien mit einer Produktion
von „La Traviata“ unter der Regie
von Marta Domingo - auf diese Arbeit
freue ich mich besonders. In Frankreich
bereite ich mich für eine „Lucia di Lammermoor“-
Produktion in Angers und Nantes
vor. Neben diesem Opernprogramm
habe ich an der Produktion einer CD bei
Preiser gearbeitet, die im November unter
dem Titel „Virtuosissimo“ auf dem
Markt erscheint. Es handelt sich um virtuose Arien, angefangen vom Barock
bis zur Klassik (u. a. Händel,
Gluck, Haydn, Bach, Mozart und Vivaldi),
also eine differenziert gestaltete
Einspielung musikalischer Perlen
zweier Epochen, die trotz vieler Interpretationen
immer noch recht fremd
sind. Mit großer Intensität und zunehmend
mehr setze ich mich mit dem
Thema Lied und Konzertgesang auseinander.
Es bietet ein großes Gestaltungspotential
persönlicher Interpretation
und Individualität.

Wohin gehen Ihre zukünftigen Pläne
und Ihre zukünftige Entwicklung?
Mit Spannung und Intensität arbeite
ich an der Entwicklung eines neuen
Repertoires, wobei der Schwerpunkt
nun bei Opern von Mozart, Rossini,
Bellini, Donizetti und Gounod liegen
wird. Hier gibt es schon sehr interessante
Gespräche für meine Mitwirkung
in verschiedenen Produktionen.
Ich fühle mich sehr stark hingezogen
zu diesem Fach. „Il Turco in Italia“,
„Lucia di Lammermoor“, „Tancredi“,
„Semiramide“, „I Puritani“, „Les Contes
d’Hoffmann“ und die „Manon“ von
Massenet sind Opern, die mich faszinieren
und an denen ich arbeite und
sie auch erfolgreich singe. Vor allem
Manon ist ein Charakter, den ich darstellerisch
sehr interessant finde, da
diese Rolle eine schwer zu realisierende
Mischung aus mädchenhaftkaprizöser
Leichtigkeit, kurtisanenhaftem
Hochmut und verzehrender
Leidenschaft verlangt.
Welche Veränderungen an der Oper
sehen Sie?
Unlängst hat mir in einer Diskussion
ein Ehepaar gesagt, es sei so begeistert,
auf der Bühne junge, gutaussehende
Sänger mit wunderbaren Stimmen
gesehen und gehört zu haben.
Es hat dies als sehr positive Entwicklung
bemerkt. Eine weitere intensive
Thematik ist die der modernen Regie,
des modernen Regietheaters. Viele
der neuen Regie-Aspekte finde ich
hervorragend, weil sie die Weiterentwicklung
der Oper ermöglichen, manche
sind etwas überzogen. Es werden
sich auch hier einige Veränderungen
auftun. Wir Sänger sind hier insofern
sehr oft betroffen, weil die Regie auf die Gesangsfragen oftmals
nicht die notwendige Rücksicht
nimmt. Das Thema des Regietheaters
wird natürlich intensiv diskutiert,
aber es gibt eine klare Einstellung -
die Weiterentwicklung ist ein wichtiger
Aspekt, auch in der Oper; verstaubte
Produktionen sprechen
nicht mehr an. Nun öffnet sich die
Frage: Was ist modern? Ich glaube,
das ist nicht die Hauptfrage, sondern
die nach der Ästhetik und der Unverwechselbarkeit
der Musik und
des Textes. Hier darf es keine Entstellung
geben, die musikalische
und gesangliche Qualität darf nicht
zerstört werden, sondern im Gegenteil,
sie soll durch die Regie optimiert
werden.
Wie geht es Ihnen eigentlich bei der
Erarbeitung einer Rolle bis hin zur
Premiere? Ist es eine sehr aufregende,
eine sehr nervenaufreibende
Zeitspanne?
Das ist eine gute Frage, und es ist
jedes Mal ein ungeheuer spannendes
Erlebnis. Es ist eine Mischung,
in der man beginnt, sich mit den
Texten, mit der Rolle, mit den Partituren
auseinanderzusetzen, das
führt weiter über die Erarbeitung der
Partie unter Begleitung eines professionellen
Korrepetitors bis hin zu
den Orchesterproben und zur Premiere.
Sukzessive baut sich dabei
auch das ungeheure Spannungsverhältnis
auf, einerseits mit der
Rolle selber, mit den Kollegen, mit
denen man arbeitet, mit der Regie,
mit der Musik, aber auch mit den
Fragen: Wird die Produktion erfolgreich?
Werde ich auch die an mich
gesetzten Erwartungen erfüllen können?
Diese Fragen stellen sich mir
persönlich, aber natürlich auch nach
außen hin, und das wechselt dann
kurz vor der Premiere eigentlich in
eine sehr starke Ungeduld, endlich,
endlich sozusagen die Arbeit auf der
Bühne umzusetzen. Die letzten
Stunden vor einer Premiere sind
wirklich oft erleichternd und gleichzeitig
aufregend, weil ich eigentlich
das Gefühl habe, ich möchte jetzt
schon auf der Bühne stehen und singen.
Dieses Leben, das also sehr
spannend ist, ist natürlich manchmal,
nicht nur für mich selber, auch
für meine Familie anstrengend. Zur
Disziplin gehört auch die Frage der
Ruhepausen, sich in den privaten
Bereich zurückzuziehen, kein Besuch
von Lokalen, in denen geraucht
wird und ähnliches mehr. Aber das ist einfach ein Bestandteil,
den ich gerne akzeptiere, weil ich den
Beruf der Sängerin als meinen Lebensberuf
erkannt und gewählt habe.
Auch mein Familien- und Freundeskreis
kann das sehr akzeptieren, was
die Nervosität vor Aufführungen betrifft,
sind sie natürlich manchmal
schon sehr gefordert.
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